DAS ZEITGUT

DAS ZEITGUT Konzeption und Kuratierung


Ein Kulturvorhaben des Klubhaus Ludwigsfelde im Rahmen von „Kulturland Brandenburg 2026 – Von hier aus Zukunft“.

Kulturelle Aktivierung der Pavillons im Dichtereck. Ehelams ein Delikat und ein Exquisit.

Kulturland Brandenburg Magazin 2026

Ein Kulturprojekt des Klubhaus Ludwigsfelde

„Herzlich Willkommen beim ZEITGUT!“ … so begrüßen die Macherinnen von DAS ZEITGUT Marlen Trautmann und Anne Müller die neugierige Nachbarschaft. Der Winter ist noch nicht ganz dem Frühling gewichen, aber im „Dichtereck“, wie die beiden leerstehenden Pavillons mitten im Wohngebiet des „Dichterviertels“ von den Menschen genannt werden – da tut sich etwas.

Mitte der 50er Jahre entstand die sogenannte Sozialistische Wohnstadt, das „Dichterviertel“, eine denkmalgeschützte Altbausiedlung mit weit über 300 Wohnungen, verschiedenen Ladengeschäften, dem großen Klubhaus und den beiden Pavillons.

Fast unscheinbar stehen sich die beiden Gebäude gegenüber, auf der Freifläche dazwischen eine große, schützende Eiche, ein Ensemble voller Potentiale. Die Pavillons waren ehemals ein Exquisit, der nach der Wiedervereinigung bis 2002 einen Schlecker beherbergte. Im gegenüberliegenden Gebäude befand sich ein Delikat – später fand zunächst Fleischerei, dann eine lokale Bürgerküche hier ein temporäres zu Hause. Exquisit und Delikat waren die hochpreisigen Deluxe-Geschäfte in der DDR, in denen es die überteuerte Pfirsichdose, die Edelsalami oder den Seidenblouson zu kaufen gab – verbunden mit einem diffusen Sehnsuchtsgefühl – all das ist lange her.

Dennoch stecken die Gebäude voller Erinnerungen und Geschichten der BürgerInnen von Ludwigsfelde – bis heute.

Auch das imposante und hoch-modern sanierte Klubhaus, keine 150 m von den Pavillons entfernt, gehört zum Flächendenkmal „Dichterviertel“. Das Klubhaus Ludwigsfelde ist eines von ca. 2.000 ehemaligen DDR-Klub- und Kulturhäusern, die häufig Fabrikationen und Wohngebieten zugehörig waren. Die Klubhäuser waren für einen Teil der DDR-BürgerInnen ein kultureller, biografischer Alltags- und Festtagsort, an dem Geburtstage, Jugendweihen, Hochzeiten gefeiert wurden, getanzt und gesungen oder sich zum Bier am Abend getroffen wurde. In verschiedenen Zirkeln wurde die Freizeit verbracht.

Diese Emotionen sind bei vielen BürgerInnen nach wie vor sehr lebendig.

Das beobachten Marlen Trautmann und das Team vom Klubhaus schon lange: „Die Menschen der Stadt besuchen unsere Veranstaltungen im Klubhaus sehr gerne. Dennoch spüren wir eine Sehnsucht nach einer Verbindung von kulturellen Angeboten mit dem echten Leben der Menschen, mit der Stadtgeschichte und auch den Wunsch nach Mitgestaltung.“ Gemeinsam mit der Kulturentwicklerin Anne Müller wurde in den vergangenen Monaten ein zugewandtes, lebendiges Kulturprogramm entwickelt: DAS ZEITGUT.

Anne Müller, die eine breit-gefächerte Erfahrungsperspektive auf kulturelle Entwicklungsvorhaben einbringt, denkt: „Wir versuchen hier gerade, ein gewisses Momentum zu gestalten. Eine äußerst positive Konstellation dieser besonderen Gebäudeensembles, eine Gestaltungsfreude der lokalen KulturakteurInnen verbunden mit auch überregionalen Netzwerken und sicher eine hohe, gesellschaftliche Notwendigkeit an Beweglichkeit und positivem Wandel.“

Vieles muss logistisch improvisiert werden, aber auch das kann als Einladung an die Menschen verstanden werden, gemeinsam zu gestalten. Und so werden nun Schritt für Schritt die Pavillons vorbereitet, hergerichtet, KünstlerInnen schauen vorbei, Veranstaltungen werden besprochen, und der eine oder andere Ludwigsfelder staunt, dass der Leerstand nicht abgerissen, sondern zurück ins Leben geholt wird.

STADTGESELLSCHAFT IM WANDEL

Eine lebendige Kulturlandschaft und eine positive Stadtgesellschaft benötigen konkrete Schnittstellen, Orte und Menschen.

Für die Stadt Ludwigsfelde sind die Zeiten-Kipppunkte nach wie vor die politische und gesellschaftliche Wende ´89 sowie die aktuelle Zeitentransformation durch den beträchtlichen Zuzug von Berlinern, nationalen und internationalen ArbeitnehmerInnen und Familien, bis hin zum Rückzug ehemaliger LudwigsfelderInnen, was auch liebevoll als „Wachstumsschmerzen“ bezeichnet wird. In der Stadtgesellschaft bestehen zum Teil deutliche Unterschiede in den Lebensrealitäten und dabei eine geringe Schnittmenge im alltäglichen Miteinander.

Es klingt so einfach und ist in der Gestaltung doch so herausfordernd – was hat uns geprägt und wie prägen wir?“ fragt Anne Müller.

Ludwigsfeldes Lage unmittelbar an der Berliner Stadtgrenze einerseits und einer kleinstädtisch-ländlichen Lebensrealität andererseits bildet eine besondere Identität und alltägliche Herausforderung für die Region im Land Brandenburg.

Auch der Bürgermeister Andreas Igel ist mit dem Dichterviertel verbunden und erinnert sich:

Wenn ich als Kind mit meinem Fahrrad in das Dichterviertel fuhr, um etwas zu erledigen – Butter und Milch im Kaufhaus kaufen, ein Heft für die Schule im Schreibwarenladen besorgen, oder mich mit Freunden zum Spielen traf, dann war dieser Stadtteil von Leben gekennzeichnet: Kinder, die zwischen den Häusern und auf Klettergerüsten spielten, Anwohnerinnen und Anwohner, die an selbst gezimmertes Tischen und auf merkwürdigen Stühlen beisammen saßen, Männer, die vor Schuppen ihr Feuerholz für die Öfen der Wohnungen hackten. Mit diesem Leben „auf der Straße“ kamen die Menschen in den Austausch und es entstand eine Gemeinschaft. Ich wünsche mir, dass über das Projekt ZEITGUT die Menschen aus dem Dichterviertel wieder mehr zueinander finden und gemeinsame Interessen zu einem aktiven Miteinander führen.“

DAS PROGRAMM

Das Programm von DAS ZEITGUT bietet von März bis Dezember Workshops, Veranstaltungen, Tanz und Lesungen, ökologische Projekte, Feste, einen Markt, akustische Stadtspaziergänge und Video- und Klanginstallationen in und aus den Pavillons heraus. Dabei versteht sich DAS ZEITGUT ausdrücklich auch als Versuchsort, als gemeinsames Kultur-Labor, weniger als statisch-fertiges Kulturprogramm. Marlen Trautmann: „Wir wollen möglichst diverse Erfahrungswerte sammeln, auch für Ideen über das Jahr 2026 hinaus.“.

Mit den drei Festen „Sähen“, „Hegen“ und „Ernten und Danken“ werden bei Musik und einer langen Tafel alle Ortsteile aber auch BesucherInnen der Stadt und zufällige Schlenderer zum Verweilen, zum Plaudern und Lachen eingeladen, um sich im ZEITGUT entspannt zu begegnen. Mit Akkordeon und einer Tänzerin wird zum Tanz auf der Straße gebeten.

Der „Let`s Tausch-Markt“ möchte den Spaß am Tauschen von schönen Dingen und von Zeit anregen, aus den Gesprächen der „Die Spatzierplauderei“ entstehen kleine Hörspiele.

Beim „Der ZEITGUT Talk“ werden offen und ehrlich Themen der Stadtgesellschaft im Wandel der Zeit diskutiert und die Workshopreihe „Wer bist du?“ arbeitet mit den Menschen der unterschiedlichen Ortsteile zu Lebensalltag und Träumen. Mit den ökologisch-kreislaufwirtschaftlichen Workshops „1 Idee Zukunft“ wird ein Hängebeet zwischen den Pavillons entstehen.

Die performative Autorinnen-Lesung des Spiegel-Bestsellers: „Drei Ostfrauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ verspricht eine heitere, anregende Veranstaltung und das Coachingformat „Für Fotografinnen“ möchte Fotografinnen der Region professionell unterstützen.

Marlen Trautmann: „Ich bin Teil dieser Stadt und gestalte sie mit. DAS ZEITGUT ist ein vollkommen neuartiges Format für Ludwigsfelde. Mich interessiert enorm, wie die Menschen die Themen und die Pavillons neu oder wieder entdecken und zu einem Teil ihres Lebens machen. Was und Wen braucht ein lebenswerter Kulturort und wie bewahren wir strukturelle Beweglichkeit“.

DIE MACHERINNEN UND DIE NETZWERKE

Marlen Trautmann und Anne Müller war es besonders wichtig, ein heterogenes Netzwerk aus KünstlerInnen, MusikerInnen, BiologInnen, AutorInnen, RegisseurInnen zusammen zu stellen. Beispielhaft zu nennen sind KünstlerInnen der Vereine VorOrtung e.V.,1ha Zukunft e.V., Mehrblick und Ton e.V., eine wissenschaftliche Kooperation mit der Fachhochschule Potsdam, MusikerInnen der Musik- und Kunstschule Ludwigsfelde, die Imkerei Ludwigsfelde und der Female Foto Club Berlin, Brandenburg.

Jede AkteurIn bring eine besondere Perspektive und Schwerpunkt ein, so wie die beiden Macherinnen selbst auch eine breite Spanne an Wissen und Erfahrung einbringen.

Anne Müller ist Medien- und Musikwissenschaftlerin und agiert als Kulturentwicklerin auch international, sie schätzt die Zusammenarbeit sehr: „Hier findet sich eine wunderbare, sinnhafte Symbiose unserer Expertisen. Mit Marlens unmittelbarem Wissen um die konkreten Fragestellungen der Menschen in Ludwigsfelde und meiner Perspektive entstehen Projekte, die hoffentlich sowohl Verankerung wie auch freudiges Losgehen anbieten.“

Marlen Trautmann studierte Kulturarbeit, sie ist die Projektkoordinatorin des Klubhauses.

Ich glaube, dass eine lebendige Stadt davon lebt, dass Menschen Verantwortung übernehmen – für Orte, für Ideen und füreinander. Wenn Beteiligung möglich wird, entsteht Verbundenheit ganz von selbst. Die Stadtgesellschaft weiß selbst am besten, was sie braucht; Kultur kann dabei helfen, diese Bedürfnisse sichtbar zu machen und Bewegung anzustoßen.“

Das gesamte Programm und die Anmeldemöglichkeiten für die Workshops sind auf der Website des Klubhaus Ludwigsfelde zu finden: www.klubhaus-ludwigsfelde.de und beim neuen ZEITGUT Instagram-Kanal @das.zeitgut.

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